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vogtext sw 3Aus dem Alltag eines Lektors

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Vielen Dank und viel Spass bei der Lektüre!

 

Darum wettern wir über das Wetter und wittern ein Gewitter

Über das Wetter wettern wir dauernd: Der Sommer ist zu heiss, der Winter zu kalt, der Herbst zu nass und der Frühling kommt zu spät. Wie das Verb wettern sprachlich mit dem Substantiv Wetter zusammenhängt, warum wir ein Gewitter wittern können und wann Sie jemanden um schön Wetter bitten sollten.

Meteorologen haben einen harten Job, denn über die Wettervorhersage wird gerne und ausgiebig gewettert. Gedanken über die sprachlichen Zusammenhänge von Wind und Wetter machen sich aber die wenigsten – weder die Meteorologen noch die Personen, die über die Wetterfrösche und deren Vorhersagen wettern. Damit Sie in Zukunft wissen, weshalb Sie das Verb «wettern» nutzen, um Ihrem Unmut gegen unerwünschte Wetteraussichten Ausdruck zu verleihen, habe ich im Duden Herkunftswörterbuch (neuste Ausgabe kaufen*) nach der Entstehung des Verbs wettern und anderer «Wetterwörter» gegraben.

Vom Wehen zu Wind und Wetter

Ausgangspunkt vieler Wetterwörter ist die indoeuropäische Wortwurzel hṷē-, womit «hauchen, blasen oder wehen» ausgedrückt wird. Direkt daraus ableiten lässt sich das althochdeutsche Verb wāen und das mittelhochdeutsche wӕjen, woraus das moderne Verb wehen hervorgegangen ist. 

Die Wortwurzel hṷē- ist aber auch im Substantiv Wind verborgen, das aus dem althochdeutschen wind bzw. dem mittelhochdeutschen wint übernommen wurde. Wörtlich übersetzt bedeutet Wind «der Wehende».

Nach dem Wehen und dem Wind landet man auch beim Substantiv Wetter bzw. beim mittelhochdeutschen weter und beim althochdeutschen wetar. Wetter (weter/wetar) bedeutet wörtlich «Luft, Wind» oder «das Wehen», womit wir wieder bei derselben Wortwurzel hṷē- angelangt sind.

Wettern über das Wetter

Wenn Sie über das Wetter wettern, sind Sie mit dem aktuellen Wetter nicht zufrieden. Das Verb wettern ist also negativ besetzt. Ursprünglich hatte wettern (mittelhochdeutsch: wetern) aber eine neutrale Bedeutung und meinte «an der Luft trocknen». Ab ca. dem 16. Jahrhundert hat das Verb diesen ursprünglichen Sinn verloren. Heute wird wettern im übertragenen Sinn für «schimpfen, fluchen, heftig schelten» verwendet; seltener meint wettern «blitzen und donnern», wofür üblicherweise das Verb «gewittern» genutzt wird (siehe unten).

Beispiele mit dem Verb wettern im Sinne von «fluchen/schimpfen»:

  • Es gehört heute zum guten Ton, über Medien und Fake News zu wettern.
  • Der Stürmer wetterte nach dem ausgebliebenen Penaltypfiff lautstark gegen den Schiedsrichter – und kassierte die Rote Karte.
  • Politiker von links bis rechts wetterten über den Gesetzesentwurf zur Altersvorsorge.

Statt nur zu wettern, kann man umgangssprachlich auch loswettern, abwettern oder jemanden anwettern.

Beispiele mit dem Verb wettern im Sinne von «blitzen und donnern»:

  • In der Ferne stürmte und wetterte es.
  • Im vergangenen Jahr hat es laut Meteorologen häufiger gewettert als im langjährigen Durchschnitt.

Gewitter, gewittern und gewittrig

Wie Wetter und wettern sind auch Gewitter, gewittern und gewittrig auf die indogermanische Wortwurzel hṷē- zurückzuführenZuerst belegt ist das Gewitter im althochdeutschen Substantiv gewitiri, woraus sich das mittelhochdeutsche gewiter herausgebildet hat. Das Wort Gewitter ist eine sogenannte Kollektivbildung zu Wetter, bedeutet also ungefähr die «Gesamtheit allen Wetters» – so wie das Gebirge nicht einen einzelnen Berg, sondern die «Gesamtheit aller Berge» meint.

Ab ca. dem 12. Jahrhundert setzte sich für das Gewitter im Deutschen die Bedeutung «schlechtes Wetter» und dann spezifisch «Unwetter mit elektrischer Entladung in der Luft» durch. Daraus entstand im 17. Jahrhundert das Verb gewittern. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Adjektiv gewittrig im Sinne von «zu Gewittern neigend».

Beispiele mit Gewitter, gewittern und gewittrig:

  • An heissen Sommertagen ziehen abends oft heftige Gewitter auf.
  • Am Sonntag hat es vielerorts geregnet und gewittert.
  • Dieses Wochenende wird gewittrig und heiss.

Witterung und wittern

Das Verb wittern geht zurück auf das mittelhochdeutsche Wort witeren (= ein bestimmtes Wetter sein/werden). In dieser ursprünglichen Bedeutung verwenden wir wittern nicht mehr. In der Jägersprache hat sich eine zweite Bedeutung herausgebildet, die heute im Vordergrund steht. Mit wittern ist gemeint, einen bestimmten Geruch in die Nase zu bekommen und so eine Fährte aufzunehmen. Wenn wir an die indogermanische Wortwurzel hṷē- zurückdenken, worauf auch wittern zurückzuführen ist, ist diese Bedeutung gar nicht so überraschend, denn beim Wittern wird einem durch den Wind ein Geruch in die Nase «gehaucht/geblasen» (= hṷē-). 

Meist wird wittern verwendet, um die Eigenschaft von Tieren zu beschreiben, einen Geruch aufzunehmen und zu verfolgen:

  • Zum Glück witterte mein Hund den Einbrecher und vertrieb ihn.
  • Die meisten Wildtiere verstecken sich, sobald sie einen Menschen wittern.
  • Als das Pferd Wasser witterte, galoppierte es los, um seinen Durst zu löschen.

Das Wort wittern kann zudem in einer übertragenen Bedeutung im Sinne von «(voraus)ahnen» oder «vermuten» genutzt werden:

  • Der Stürmer witterte seine Chance und schoss ein Tor.
  • Weil der Präsident wiedergewählt wurde, witterte die Opposition sofort einen Betrug.
  • Der umtriebige Händler witterte ein lukratives Geschäft.

Das Substantiv Witterung ist ca. im 16. Jahrhundert entstanden und kann Wetter, Geruch oder Geruchssinn meinen:

  1. Bei schlechter Witterung findet die Wanderung nicht statt (Witterung = Wetter).
  2. Jagdhunde haben eine gute Witterung (Witterung = Geruchssinn)
  3. Der Löwe nahm die Witterung der verletzten Antilope sofort auf (Witterung = Geruch).

Weshalb Sie ein Gewitter im Sommer wittern können

Wenn an heissen Sommertagen ein Gewitter aufzieht, kann man es manchmal vorausahnen, weil man den Wetterumschwung riecht, bevor am eigenen Standort Regen fällt. Man kann das Gewitter sozusagen wittern. Dieser typische Sommergewitterduft heisst «Petrichor» und ist besonders intensiv, wenn es nach langer Trockenheit wieder einmal regnet. Der Regen wirbelt dabei Staubpartikel auf, die das Aroma eines Öls in sich tragen, das Pflanzen bei Dürre produzieren. Weil der Wind diese Duftstoffe verbreitet, kann man den Regen bereits riechen, bevor das Gewitter vor der eigenen Haustür losbricht (Quelle: SRF).

Was Sie verwettern, was verwittert und was jemanden/etwas umwittert

Die Vorsilbe ver- kann mit «wettern» zu verwettern und mit «wittern» zu verwittern kombiniert werden. Wenn Sie etwas/jemanden verwettern, verfluchen Sie diese Person/Sache. Laut Duden war verwettern im 18. und 19. Jahrhundert geläufig und wurde meist im 2. Partizip genutzt::

  • Dieses verwetterte Sommerhitze bringt mich noch um den Verstand.
  • Wegen der verwetterten Sicherheitskontrolle hatte unser Flug zwei Stunden Verspätung.

Das Verb verwittern ist heute noch geläufig und bedeutet, dass eine Substanz durch Wettereinflüsse langsam zerfällt:

  • Die verwitterte alte Eiche stemmte sich trotzig gegen den Sturm.
  • Die Stützbalken waren so stark verwittert, dass der Einsturz des Gebäudes unmittelbar bevorstand.

Beim Verb wittern ist zudem die Kombination mit der Vorsilbe um- geläufig, woraus umwittern entsteht. Häufig wird umwittern mit einem Skandal oder einem Geheimnis verbunden:

  • Die alte Mühle am Rande des Dorfes war von vielen Geheimnissen umwittert.
  • Weil die Partei von so vielen Skandalen umwittert war, wurde sie bei den Wahlen abgestraft.

Redewendungen zu Wind, Wetter, wittern und Witterung

Das Substantiv Wetter ist zum Beispiel in folgenden Sprichwörtern zu finden.

  1. Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür. Mit dieser Redewendung drückt man aus, dass das Wetter sehr schlecht ist: «Schau mal, wie es stürmt – bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür!»
  2. Ein Wetter zum Heldenzeugen/Eierlegen. Dieses Sprichwort passt, wenn besonders schönes Wetter ist: «Schau mal, den stahlblauen Himmel und das türkisfarbene Meer – das ist ja heute ein Wetter zum Heldenzeugen/Eierlegen.»
  3. Alle Wetter! Mit diesem Ausruf drückt man sein Erstaunen oder seine Bewunderung aus: «Er hat sich ein Sixpack antrainiert – alle Wetter!»
  4. Bei jemandem gut Wetter machen. Wenn Sie bei jemandem gut Wetter machen, versuchen Sie ihn günstig zu stimmen. Das Substantiv «Wetter» wird hierbei in der Bedeutung «Stimmung/Gemütszustand» verwendet: «Immer vor dem Mitarbeitergespräch versuchte er, bei seinem Chef gut Wetter zu machen.»
  5. Um gut/schön Wetter bitten. Bei dieser Redewendung bitten Sie um Verzeihung. Auch hier hat das Substantiv «Wetter» die Bedeutung «Stimmung/Gemütszustand»: «Du hast mich vor allen blossgestellt – jetzt solltest du zuerst einmal um gut/schön Wetter bitten!»

Beim Verb wittern lassen sich folgende Redewendungen erwähnen:

  1. Morgenluft wittern. Morgenluft wittern Sie, wenn Sie in einer ungünstigen Lage sind, aber eine Möglichkeit entdecken, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien: «Weil der Wärter den Schlüssel stecken liess, witterten die Gefangenen Morgenluft.» Diese Redewendung geht zurück auf ein Zitat aus Shakespeares Hamlet. Der Geist von Hamlets Vater sagt angesichts des anbrechenden Tages: «Mich dünkt, ich wittre Morgenluft.» 
  2. Den Stall wittern. Wenn Sie auf dem Weg nach Hause den starken Drang verspüren, möglichst rasch vor der eigenen Haustür anzukommen, weil Ihr Zuhause bereits nah ist, dann wittern Sie den Stall.
  3. Unrat wittern = misstrauisch werden oder etwas Schlimmes erahnen: «Der Bankangestellte witterte Unrat, als einer der Kunden plötzlich eine Maske vor das Gesicht zog.»

Die Witterung gibt Anlass zu folgender Redewendung: Witterung von etwas bekommen. Wenn Sie etwas erfahren, das geheim bleiben sollte, haben Sie Witterung davon bekommen. Der Ursprung dieser Redewendung liegt in der Jägersprache. Steht der Jäger im Wind, bleibt seine Anwesenheit nicht geheim, weil Rehe und Hirsche ihn wittern und sich davonmachen, bevor er auf sie schiessen kann. Häufig hört man auch die bedeutungsgleiche Redewendung: Von etwas Wind bekommen.

Den Wind findet man in unzähligen Redewendungen, zum Beispiel:

  1. Etwas in den Wind schlagen. Wenn Sie einen guten Rat nicht beachten, schlagen Sie ihn in den Wind. Bei dieser Redewendung dient der Wind als Bild für etwas nicht Fassbares, eine Leere, die man nicht wirklich wahrnimmt und deshalb unbeachtet lässt. Möglicherweise hat «in den Wind schlagen» auch mit der Vorstellung zu tun, dass man mit der Handbewegung, mit der man etwas abweist/abtut, ins Leere schlägt.
  2. Jemandem den Wind aus den Segeln nehmen. Bei Seegefechten war es früher wichtig, das gegnerische Schiff in den Windschatten zu bekommen, indem man geschickt manövrierte. Man nahm dem Gegner dabei den Wind aus den Segeln und damit seinen Vorteil. Heute nehmen Sie jemandem nur noch im übertragenen Sinn den Wind aus den Segeln, wenn Sie die Argumente eines Kontrahenten in einer Diskussion wirksam entkräften.
  3. Durch den Wind sein. Wenn jemand durch den Wind ist, ist er seelisch aus dem Gleichgewicht geraten oder verstört: «Weil er einen Unfall verschuldet hatte, war er völlig durch den Wind.»

Falls Sie sich für Redewendungen interessieren, empfehle ich das Wörterbuch der deutschen Idiomatik aus dem Dudenverlag (Wörterbuch kaufen*), das mir als Quelle gedient hat. Darin zu finden sind auch diverse weitere Sprichwörter rund um das Thema Wind und Wetter.

So, Sie haben es bis zum Ende dieses Beitrags geschafft. Danke für die Aufmerksamkeit! Nun wünsche ich Ihnen schönes Wetter und eitel Sonnenschein!


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