Vogt Text

Die Definition der Normseite wird überschätzt

TextseiteIm Internet kursieren unterschiedliche Zahlen, wenn es um die "richtige" Anzahl Zeichen einer Normseite geht. Diese Diskussion ist unnötig, weil die exakte Definition der Normseite überschätzt wird.

Bei Lektoren, Autoren und Verlagen ist die Normseite eine beliebte Grösse, um den Umfang eines Manuskripts abzuschätzen. Lange war meines Wissens eine Normseite unbestritten definiert als A4-Seite mit 30 Zeilen à 60 Zeichen, also insgesamt 1800 Zeichen (inklusive Leerzeichen). Diese Normseite diente als Basis für Aufträge und die Abrechnung der geleisteten Arbeit. Inzwischen kursieren im Internet die unterschiedlichsten Zahlen zur Normseite. Die Spannweite liegt zwischen 1450 und 1800 Zeichen.

 

Warum weniger als 1800 Zeichen

Warum heute viele für eine Normseite von 1500 Zeichen plädieren, ist einleuchtend. In einem Text hat es Absätze, Zitate, direkte Rede und so weiter. Nicht jede Zeile ist also ausgefüllt und es gibt immer Weissraum. Bei 1800 Zeichen müsste jede Seite, bis auf das letzte Zeichen, vollgeschrieben sein und das kommt in der Praxis selten vor. Soweit so gut. Problematisch wird es, wenn der Lektor einen Preis für eine Normseite verlangt und dabei 1500 Zeichen meint, der Auftraggeber aber von 1800 Zeichen ausgeht. Klärt man diese Frage nicht zu Beginn, sind Diskussionen unvermeidbar.

 

Wichtig ist die gleiche Grundlage

Damit ich den Umfang eines Auftrages abschätzen kann, hat meine Normseite noch immer 1800 Zeichen inklusive Leerzeichen. Wie ich das handhabe, ist aber eine untergeordnete Frage, denn ich könnte genauso gut mit 1500 Zeichen rechnen. Warum? Bei den unterschiedlichen Zahlen zu den Normseiten verhält es sich wie bei Währungen. Ob man in Euro, Dollar oder Schweizer Franken rechnet, die Zahl und die Währung verändert sich zwar, der Wert aber bleibt gleich. Entscheidend ist vielmehr, dass der Kunde weiss, welche Währung bei der Zahl steht, bevor er ein Produkt kauft.

Wichtiger als die "richtige" Normseite ist also, sich zu einigen, welche Normseite (=Währung) man der Berechnung der Preise zugrunde legt. Mein Richtwert beim Lektorat sind 5 Normseiten à 1800 Zeichen inklusive Leerzeichen pro Stunde. Wenn jemand eine Offerte mit einer Normseite von 1500 Zeichen möchte, bitte, dann rechne ich ihm das um. Auf dem Papier schaffe ich dann zwar mehr Seiten pro Stunde, nämlich 6, und der Preis pro Seite ist tiefer, am Endpreis ändert sich aber nichts. Ich habe nämlich denselben Aufwand, weil sich am Gesamtumfang des Textes nichts ändert. Ergo bleibt der Preis gleich und es ist völlig irrelevant, wie viel Weissraum im Manuskript tatsächlich pro A4-Seite auftaucht.

 

Transparenz ist gefragt

Unfair ist es hingegen, wenn ein Auftraggeber nicht bereit ist, seine Preisvorstellungen anzupassen, weil er von einer anderen Grundlage ausgegangen ist als der Lektor. Dann geht es nur darum, den Preis zu drücken. Auf der anderen Seite ist es genauso unfair, wenn der Lektor nicht offenlegt, wie er seine Preise berechnet. Besonders schlimm finde ich, wenn man sich auch noch mit einem kundenfreundlichen Service herausredet: "Ich gehe auf jeden Kunden persönlich ein und berechne jedem eine massgeschneiderte Offerte", oder "Jeder Text ist anders." Natürlich ist jeder Text anders, aber das ist kein Grund, gewisse Grundregeln zu definieren, wie ein Preis zustande kommt und dies auch zu kommunizieren.

 

  • Fazit: Entscheidend ist nicht die Definition der "richtigen" Normseite". Wichtiger ist die transparente Kommunikation des Preisberechnungsmodells – und zwar bei Auftraggeber und Auftragnehmer.

 Foto: Uwe Bergeest / pixelio.de


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